Meine Reise zum Kaffee

Der 7. September 2003 war wohl so einer dieser wegentscheidenden Tage. Bei meiner Sonntagslektüre entdeckte ich den zukunftsweisenden NZZ-Artikel über wilden Kaffee aus Äthiopiens Regenwald. Kaffee und Regenwald passten zwar so gar nicht in das Bild das ich von diesem von Hunger und Dürre gezeichneten Land am Horn Afrikas hatte und das ich nur aus Medien und von Fundraising-Broschüren der Hilfsorganisationen her kannte. Doch der wilde Kaffee als unverfälschtes Naturprodukt und die Idee mit dessen Vermarktung den Regenwald zu schützen, faszinierten mich. Dass man gemäss dem Artikel damals für den Marktaufbau in der Schweiz noch Partner suchte, bewog mich dann auch gleich die Organisation „GEO schützt den Regenwald“ per Mail anzuschreiben.

Viele Gespräche und unzählige Mails später betrat ich im Oktober 2004 erstmals äthiopischen Boden am Flughafen Bole in Addis Abeba. Mein Ziel, das ehemalige Königreich Kaffa, im Südwesten Äthiopiens, rund 450km von der Hauptstadt entfernt. Meine erste Reise nach Kaffa ist schon fast 15 Jahre her und ich habe sie inzwischen viele Male wiederholt. Doch haben diese ersten Erfahrungen und Eindrücke mein Schaffen für den Wildkaffee und meine Leidenschaft für dieses vielfältige Land und die wunderbaren Menschen bis heute geprägt und den Grundstein von Original Food in der Schweiz gelegt.

Addis Abeba ist die Hauptstadt Äthiopiens und heisst auf Amharisch neue Blume. Doch bis heute weiss ich selber nicht, ob ich sie lieben oder hassen soll. Diese unfassbare Stadt, ein Wirrwarr von Menschen, stinkenden Autos, Blechhütten, Bettlern, Ziegen, Obdachlosen neben neuen Wolkenkratzern, überdimensionierten Baustellen, Schuhputzern und rauchenden LKWs, deren Dieselmotoren auf 2400m Meereshöhe mehr Rauch als Antrieb produzieren. Addis Abeba wiederspiegelt irgendwie auch die Realität dieses Landes, hinter dessen modernen Glasfassaden immer noch viel Armut und Rückständigkeit verborgen ist.

Kaum verlässt man die „aufstrebende“ Hauptstadt versetzt einem die wirkliche Realität unweigerlich in ein anderes Zeitalter zurück. Die Menschen leben unter einfachsten Verhältnissen fast ausschliesslich von der Landwirtschaft. Sie wohnen in ihren Rundhütten, den Tukuls, kochen mit Holz auf 3 Steinen und bearbeiten ihre kargen Äcker mit Ochse und Holzpflug. Die Ernte und die paar Ziegen oder Kühe reichen aus, ihre kinderreichen Familien einigermassen zu ernähren, bleibt etwas übrig, verkaufen sie es auf dem Markt. Dieses Bild hat sich trotz kleiner Fortschritte bis heute nicht stark verändert.

Äthiopier reisen sehr wenig, doch die Menschen sind von morgens bis abends unterwegs. Frauen laufen mit hoch getürmtem Gemüse auf dem Kopf zum Markt, Mädchen sind mit den gelben Kanistern auf dem Weg zur Wasserstelle, Kinder in den farbigen Uniformen laufen zur Schule,  Jungen treiben Viehherden, Männer sind unterwegs mit schwer beladenen Eseln und Maultieren. Alle laufen sie am Strassenrand oder noch häufiger mitten auf der Strasse ohne sich der Gefahren der zwar seltenen, aber wenn, dann in hoher Geschwindigkeit annähernden Autos bewusst zu sein. Ich schliesse jedes Mal die Augen, wenn unser Fahrer mit 80 Sachen so nahe an den Menschen und Tieren vorbraust, dass eine falsche Bewegung in einem verheerenden Unfall enden könnte.  Nach dem Motto, der Stärkere hat Vortritt!

Autos sind auch heute, 15 Jahre später, auf dem Land noch immer wenig verbreitet (dafür machen Tucktucks made in China und schwer überladene Kleinlaster in atemberaubendem Tempo die Strassen unsicher). Doch Laufen gehört immer noch zum Alltag und dies in Flipflops, Plastiksandalen oder barfuss. Kaum auszudenken für uns, die wir keinen Kilometer ohne hochentwickeltes, perfekt angepasstes Schuhwerk schaffen!

Auf dem Weg nach Kaffa durchquert man zuerst die Gurage-Region mit einer savannenähnlichen Vegetation. Hier wird v.a. Teff angebaut, eine Getreide/Hirseart, welche nur in Äthiopien wächst und für die Zubereitung von Injera, dem typischen Fladenbrot, verwendet wird. Injera gehört in Äthiopien zu jeder Mahlzeit und ist Teller, Besteck und Mahlzeit zugleich. Auf den „schwammigen“, säuerlich schmeckenden Fladen werden die verschiedenen Wots (Saucen) angerichtet. Mit der rechten Hand zupft man sich ein Stück Injera, greift damit mit einem geschickten Fingerdreh die Speisen und schiebt sie in den Mund. Besonders Äthiopierinnen lieben es, andere zu „füttern“ und stopfen auch mir, ungeschickte Weisse, Injera in den Mund, dass ich mit Kauen kaum nachkomme.

Nach der Überquerung des Gibe-Rivers erreicht man die Grenze des ehemaligen Königreichs Kaffa. Die Landschaft ändert sich stark, die Böden werden rot, die Vegetation dichter und die Strassen kurviger. Affen und Paviane kreuzen unseren Weg und plötzlich ist alles üppig grün. Hier stehen die 2.7% des übriggebliebenen Regenwaldes von einst über 40% bewaldeter Fläche. Weite Waldflächen sind auch in Kaffa bereits abgeholzt und werden von den Bauern als Weide- und Ackerland genutzt. Auch einige Kaffee- und Teeplantagen haben sich hier angesiedelt, wo einst Regenwald stand.

In Bonga der heutigen Hauptstadt der Provinz Kaffa angekommen, residieren wir im  KDA Guesthouse, etwas heruntergekommen, aber wundschön gelegen. Die fantastische Morgenstimmung mit Nebelschwaden über den bewaldeten, sanften Hügelketten entschädigt uns aber mehr als genug für die schmuddelige, „lebende“ Matratze, das zerschlissene Moskitonetz, die „Tröpfchendusche“ und Toilette ohne Spülung. Das Guesthouse in Bonga mit seinem wunderbaren Garten, ist für mich immer noch eines der schönsten Fleckchen Erde!

Begleitet von Abuyu, dem damaligen Manager der Kafa Coffee Farmer Union und Muluken, einem Praktikanten der GIZ, fahren wir auf einer Ruppelpiste zur Kooperative Wodiyo und machen uns mit einigen Kaffeebauern zu Fuss auf den Weg in den Wald. Der schmale Trampelpfad endet bald in dichtem Urwaldgewächs. Doch die Bauern führen uns immer weiter durch das Dickicht. Uralte Baumriesen umgeben uns, behangen mit Farnen und Lianen und dazwischen wachsen verstreut, fast unscheinbar, Kaffeesträucher in allen Grössen, zum Teil mit dichtem Moos und Parasiten bewachsen, in natürlicher Koexistenz. Stolz zeigen uns die Bauern ihre Kaffeebäume mit den leuchtend roten Früchten, die sie sorgfältig sammeln. Besonders stolz sind sie auf die sogenannten „Mothertrees“, welche von den Forschern der Uni Bonn als wertvolle genetische Varietät der Coffea Arabica-Pflanze identifiziert wurden.

Nach 3-stündigem Marsch durch unwegsames Gelände, von unzähligen Ameisen gebissen (bloss nicht stehenbleiben und unbedingt die Hose in die Socken stopfen) sind wir zurück bei der Kooperative. Die Frauen haben inzwischen die Kaffeezeremonie vorbereitet und rösten auf einer grossen Platte Kaffeebohnen direkt über dem Feuer. Die herrlich duftenden Bohnen werden anschliessend im Mörser zu Pulver zerstossen und in die Jebana, die typische Kaffeekanne aus Ton, gefüllt, in der das Wasser auf dem Feuer erhitzt wird. Die Kaffeezeremonie ist eine Geste der Gastfreundschaft, des Zusammenseins und des Austausches. Die erste Tasse Kaffee wird übrigens immer auf die Erde gegossen als Dank an die Natur, die zweite Tasse bekommt der Dorfälteste und irgendwann darf auch ich als Gast meine Tasse „Buna“ geniessen. Hierarchien werden übrigens in Äthiopien sehr streng gelebt, was mir als spontane und direkte Person manchmal etwas schwer fällt. Aber davon erzähle ich euch ein andermal…

Maria Müller Steiner, Inhaberin Original Food